göttinger kulturlinke und ihre liebe zur reaktion

abgetippt und bei mir geposted hat den text des [a:ka] zur heimatfrontspielzeit des jungen theaters in göttingen zwar erwartungsgemäß keine_r, aber dafür wurde die [a:ka] homepage aktualisiert. deshalb jetzt hier der lesenswerte text in voller länge (ich hoffe niemand vom [a:ka] hat was dagegen – ansonsten bitte kurze notiz). die pdf-version des ganzen gibt es hier.

Theater an der Heimatfront – oder: Dann lieber Sparzwang!

„‚Heimatfront‘ ist die Verortung des gesellschaftlichen Gestaltungsprozesses mit seiner Wechselwirkung auf den kulturellen Prozess des Theatergeschehens“. Dieser schöne, prägnante Satz stammt aus der Tastatur des SPD-Ratsherrn Frank-Peter Arndt, geschrieben in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzendem des Jungen Theaters Göttingen (JT). Karl Kraus hätte gesagt: »Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.«
Aber auch wer den Inhalt des Arndtschen Satzes verständlicherweise nicht versteht, mag staunen: Bislang stand »Heimatfront« nicht für die Verortung von irgendwem mit irgendwas auf Theater. »Heimatfront« war – und zwar ausschließlich – der Nazi-Begriff für den Teil der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft, der Granaten produzierte und in Bombenkellern hockte, während der Rest der Nation mit der Vernichtung von Juden beschäftigt war oder Europa verwüstete. Goebbels benutzte »Heimatfront«, wenn er noch der letzten Gemüsebäuerin klarmachen wollte, dass ihr Kohlrabi keineswegs nur irgendeine Knolle ist, sondern integraler Bestandteil der totalen Kriegsführung.
Das ist jetzt anders. »Heimatfront« wurde von den JT-Managern zum Motto ihrer neuen Spielzeit erkoren. Sie haben den Begriff aus dem »Wörterbuch des Unmenschen« gefischt und ihn für ihren Zweck verfügbar gemacht: soziologisch-kulturelle Dampfplauderei. Hätte das JT mit diesem Motto nur provozieren wollen, wie die Sex Pistols mit ihren Hakenkreuz-T-Shirts – es wäre abgedroschen, aber verzeihlich gewesen. Hätte es »Heimatfront« als Kritik gemeint am Zustand der deutschen Gesellschaft – vielleicht hätte es eine interessante Spielzeit werden können.
Aber weder das eine noch das andere hat das JT gewollt. Seine Verantwortlichen verwenden den Begriff keineswegs kritisch oder ironisch gebrochen oder wenigstens mit einer Portion schwarzem Humor, sie beziehen sich zustimmend auf ihn und sie meinen ihn bitter ernst.

Heimat statt Gesellschaft

Während der Aufsichtsratsvorsitzende Arndt mühsam vor sich hinschwurbelt, um das Motto zu rechtfertigen, spricht es aus dem Intendanten Andreas Döring ungezwungen heraus: »Familie, Religion, Beruf, Freunde – kurz: unsere Heimat – verlieren an Raum, Wert und Bedeutung.« Ach je, die alten Werte! Müssten es Kulturschaffende mit kritischem Anspruch nicht begrüßen, wenn Zwangsinstitutionen wie Familie und Religion ihre Macht über die Menschen verlören?
Nicht mehr seit Eva Herrmann sagt, wie Feminismus geht (Heim an den Herd!), und Großinquisitor Ratzinger den Maßstab der Religionskritik vorgibt (Mehr beten, sonst Hölle!). In diesem Klima hat offenbar auch das Junge Theater als Flaggschiff der Göttinger Kulturlinken seine Liebe zur Reaktion entdeckt – und sein Intendant redet daher wie Karl Moik auf Depressionen.
»Heimatfront« bezeichnete bei den Nazis das Zusammenrücken der Volksgemeinschaft gegen den äußeren Feind, und auch der JT-Begriff von »Heimatfront« lässt sich auf diesen Punkt bringen: als romantischer Antikapitalismus. Romantische Antikapitalisten betrachten den Kapitalismus nicht als gesellschaftlichen Zusammenhang, der zwar in Klassen zerfällt, den aber jeder Einzelne durch sein tägliches Handeln aufs Neue herstellt – durch Lohnarbeit zum Beispiel, oder dadurch, dass er einkaufen geht. Die kapitalistische Gesellschaft bringt ja tatsächlich die Auflösung überlieferter Lebensweisen mit sich, den Untergang tradierter Familienverhältnisse und den Verlust sozialer Bindungen – aber die Ursachen dafür wähnen romantische Antikapitalisten nicht im Kern dieses als Zwang auftretenden, aber letztlich hausgemachten Zusammenhangs, sondern schreiben sie einem nicht existenten Außen als okkulte Macht zu.
Was dem alten Nazi das »internationale Finanzjudentum« war, und dem neuen Nazi das »Judäo-amerikanische Imperium« (Horst Mahler), ist dem Göttinger Kulturschaffenden seine Globalisierung, hinter der er nicht näher bezeichnete Finsterlinge vermutet. Und dagegen muss man sich ja wohl wehren! Andreas Döring im JT-Programm: »Nur gemeinsam kann unser Lebensraum (sic!) vor den Angriffen eines propagandistisch geführten Feldzugs der sogenannten Globalisierung bewahrt werden.« Wer die Propaganda betreibt und welchen Zweck sie haben sollte, bleibt im Dunkeln, jedenfalls sollen »wir« und »unser« Lebensraum zerstört werden, was dann die Formierung zur Heimatfront nötig macht.
Nun wollten die Nazis den »Lebensraum im Osten« erobern; Göttinger Kulturschaffende beanspruchen höchstens Wohnraum im Ostviertel. Niemand will Andreas Döring unterstellen, er sei ein Faschist – allerdings redet er wie einer. Aber das scheint diesem Aushängeschild progressiver Bühnenkunst nicht im Ansatz bewusst zu sein: »Heimatfront« hat er sich wohl noch mit voller Absicht ausgesucht; »Lebensraum« muss ihm unbemerkt reingerutscht sein – einen Lebensraum definieren Biologen für Schneehasen- oder Feldhamsterpopulationen, Menschen werden in einen Lebensraum nur dann gepresst, wenn sie ins Visier völkischer Rassisten geraten.

Konformismus statt Kritik

Das wirklich erschreckende am »Heimatfront«-Motto ist aber weder die nationalsozialistische Propagandaphrase selbst, noch die über sie hinausgehende Indifferenz gegenüber Nazi-Begriffen. Als Provokation, als polarisierendes Moment, wäre die Verwendung von »Heimatfront«, wie gesagt, legitimes Mittel von Kunst gewesen. Unerträglich ist erst, dass das Motto eben nicht provozieren und polarisieren soll, sondern Identität stiften – es propagiert die Masse und verachtet das Individuum; Mitmachen wird verlangt, nicht kritische Distanz. Weder sollen alte Reaktionäre entlarvt werden, noch linke Spießer zur Weißglut getrieben; das JT will vielmehr die reaktionären und die linken Spießer zu jener widerspruchsfreien Gemeinschaft versöhnen, die genau dem kritischen Kulturbegriff entgegensteht, den das JT zu verteidigen beansprucht.
Kritische Kultur hätte das Ziel, die Widersprüche der Gesellschaft festzuhalten und offenzulegen, Salz in die Wunden zu streuen und »die Schmach noch schmachvoller zu machen, indem sie ihr das Bewußtsein der Schmach hinzufügt« (Marx) – das JT will stattdessen die Widersprüche in Harmoniesauce ersäufen und projiziert diffuses Unbehagen auf äußere, imaginierte Feinde. Kritische Kunst zielte darauf ab, die falsche Identität der kapitalistischen Gesellschaft der Lüge zu überführen; das Junge Theater feiert eben diese falsche Identität als kritische Kunst.
Das Programm der »Heimatfront«-Spielzeit ist für sich betrachtet eine unspektakuläre Melange aus Klassikern und modernen Stücken; die AutorInnen können nichts für den Zusammenhang, in den ihre Arbeit vom JT gerückt wird. Der Aufklärer Lessing, der Kommunist Brecht und die vernichtete Jüdin Anne Frank werden ungefragt unter ein Motto gezwungen, das die Aufklärung verrät, kommunistischer Kritik ins Gesicht schlägt und sich des Vokabulars der Judenvernichter bedient.
Döring schreibt: »Für unseren Spielplan 2006/2007 haben wir nach Stoffen in unserer Heimat gesucht.« Es gehört schon einiges an Vermessenheit dazu, wenn der Intendant eines deutschen Provinztheaters meint, er könne Shakepeares »Othello« in sein Konzept von »Heimat 2006« hineinzwängen. Wenn er dasselbe unter der Überschrift »Heimatfront« mit dem »Tagebuch der Anne Frank« versucht, wird es widerwärtig: Anne Frank steht examplarisch für das, was die deutsche Volksgemeinschaft auf der Suche nach Identität jenen angetan hat, die sie als Feind ihrer Gemeinsamkeit definierte: Anne Frank steht für Millionen, die den Zusammenschluss der Deutschen zur Heimatfront einfach deshalb nicht überlebt haben, weil sie Juden waren.

Bei aller Symphatie, die man den SchauspielerInnen eines kleinen, in seiner Existenz gefährdeten Theaters entgegenbringen mag: Diese Spielzeit sollen sie entweder streiken oder vor leeren Rängen spielen. Beschweren können sie sich bei ihrem Intendanten.

[a:ka], september 2006

8 Kommentare


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  1. der text ist in der tat ein inhaltliches und literarisches kleinod. ich hätte es allerdings begrüßt wenn die knilche auf phrasen wie „legitimes mittel der kunst“ verzichtet hätten. das klingt ein wenig sehr großkotzig….

    Comment von stalin — 3. Oktober 2006 @ 13:48

  2. Du hast gestern tatsächlich nicht zu viel versprochen. flüssig geschrieben, scharf und schlüssig argumentiert.
    eins ist mir an einem der zitate des intendanten noch aufgefallen: „(…)Familie, Religion, Beruf, Freunde – kurz: unsere Heimat(…)“ (2. abschnitt, erster absatz des a:ka-textes) erinnert mich fatal an vichy-frankreich, wo unter dem motto „arbeit, familie, vaterland/heimat“ die nationale revolution ausgerufen wurde.
    kann mensch als kulturschaffende_r wirklich so einen text schreiben, ohne dass einer sowas auffällt?

    Comment von Guy — 3. Oktober 2006 @ 15:19

  3. […] hierüber hab ich das da gefunden. mensch beachte den titel. […]

    Pingback von Fahrenheit // Montag! Aufwachen! — 3. Oktober 2006 @ 19:24

  4. erwartungsgemäß polemisch

    Comment von nogoarea — 4. Oktober 2006 @ 18:25

  5. @stalin: die titulierung der [a:ka]-members als knilche hat mir durchaus gute laune beschehrt und die konnte ich gestern doch sehr gebrauchen. da verlinke ich dich doch gleich mal.
    @guy: stimmt. das erinnert in der tat an vichy.ist mir allerdings auch nicht aufgefallen.
    @nogoarea: aber weiß die polemik zu gefallen, oder ist es eher abwertend gemeint?

    Comment von Administrator — 4. Oktober 2006 @ 21:28

  6. Heimatfronten, die Zweite

    Das [a:ka] hat es mit seiner Kritik des Jungen Theaters in die Neue Göttinger Wochenzeitung geschafft. Der Artikel greift jedoch nur den Kritikpunkt auf, dass der Begriff “Heimatfronten” eine Nazi-Vergangenheit habe, nicht jedoch die ideo…

    Trackback von Herumspringen als Leistungsblogsport — 8. Oktober 2006 @ 21:43

  7. nicht nur die göttinger wochenzeitung hat es aufgegriffen, auch die npd göttingen auf ihrer homepage äh weltnetzseite….

    Comment von langweiler — 10. Oktober 2006 @ 11:57

  8. […] im jungen theater in göttingen heimatet es zurzeit sehr. das [a:ka] kritisierte den intendanten zurecht für die im jargon romantischer und reaktionärer kapitalismus-kritik gehaltene spielzeit-ankündigung. danach gab es einen briefwechsel zwischen politgruppe und intendanten und nachdem man es kaum noch für möglich gehalten hatte kam die ankündigung einer podiumsdiskussion zwischen dem kritisierten und den kritikern. auf viel einsicht des intendanten durfte nicht gehofft werden, es sollte jedoch noch viel schlimmer kommen. in “was ist heimatfront? andi döring gibt alles” berichtet “emanzipation oder barbarei” über die veranstaltung. […]

    Pingback von subwave - exakt neutral :: heimatfront again. :: Februar :: 2007 — 15. Februar 2007 @ 14:16

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